Contergan: Neue Informationen

Wie die Aachener Nachrichten online am 5.November titelt, wird es bei der Firma Grünenthal ab dem 1. Januar 2009 eine Änderung in der Struktur der Gesellschaftsführung der Firma kommen. Um den Zusammenhang zu erhalten, hier nun die Meldung als Zitat.

Grünenthal steht bald unter neuer Führung

Von Bernd Mathieu 05.11.2008, 18:39

Aachen. Im Aachener Pharmaunternehmen Grünenthal stehen entscheidende Strukturveränderungen an der Spitze der Firma bevor. So soll es ab dem 1. Januar erstmals einen Vorsitzenden der Geschäftsführung geben. Der neue Firmenchef soll extern berufen werden.

Informationen, dass es sich dabei um einen Manager von «Johnson&Johnson», dem weltweit größten Hersteller von Produkten im Gesundheitssektor, handeln soll, bezeichnete die Unternehmenssprecherin Annette Fusenig auf Anfrage unserer Zeitung als «Gerüchte».

Nicht dementiert hat Grünenthal allerdings, dass der Beirat beschlossen hat, die Struktur der Geschäftsführung zu ändern und einen Vorsitzenden für dieses Gremium zu berufen.

Frühestens gäbe es nächste Woche «mitteilungswerte Informationen» dazu. Weitere Erklärungen, so Annette Fusenig, gebe es nicht: «Wir kommentieren keine Gerüchte.»

So bleibt vorerst offen, was aus Sebastian Wirtz, dem Geschäftsführer aus der Eigentümerfamilie der Firma Grünenthal, wird. Es ist davon auszugehen, dass der Gesellschafter bei der Berufung eines externen Vorstandsvorsitzenden dann der Geschäftsführung der Grünenthal GmbH nicht mehr angehören wird.

Auch dazu wollte sich Grünenthal am Mittwoch noch nicht äußern. Der Geschäftsführende Gesellschafter Sebastian Wirtz ist seit 2005 Mitglied der Geschäftsführung.

Er erklärte als erster die Bereitschaft zu einem Treffen mit den Contergan-Opfern. Das Schlafmittel, das Schwangeren empfohlen wurde, war in den 60er Jahren Auslöser des Contergan-Skandals.

Der Wirkstoff Thalidomid führte zu schweren Missbildungen bei Neugeborenen. Das Thema kam durch einen zweiteiligen WDR-Film und den aktuellen Hungerstreik von Contergan-Opfern in Bergisch-Gladbach erneut in die Schlagzeilen.

Im Mai dieses Jahres hatten alle Gesellschafter von Grünenthal mitgeteilt, freiwillig weitere 50 Millionen Euro in die Conterganstiftung einzahlen zu wollen.

Das 1946 in Stolberg gegründete Familienunternehmen beschäftigt in Deutschland rund 1900 Mitarbeiter, weltweit sind es rund 4800.

Wie es nun mit dem neuen Fond weitergehen kann, ist auf der Internetseite des Bundesverbandes Contergangeschädigter e.V. nachzulesen.

Bereits am 13.10.2008 erschien ein Bericht auf Spiegel online mit dem Titel ‚Die Vergessenen‘ über eine Hungerstreik-Aktion, dass eine adäquate Hilfe in den verschiedensten Bereichen geleistet werden sollte. Hier nun das Zitat, damit der Zusammenhang erhalten bleibt.

DER SPIEGEL 42/2008 vom 13.10.2008, Seite 88

Autor: Marie von Mallinckrodt

ENTSCHÄDIGUNGEN

Die Vergessenen

Contergan-Opfer sind seit Wochen im Hungerstreik. Damit setzen sie Bundestagsabgeordnete unter Druck, die gerade über eine bessere Unterstützung verhandeln.

Es riecht nach PVC-Boden und Hustensaft, nach Trostlosigkeit. Hier im Flachbau hinter der Kirche wollen die Contergan-Geschädigten nicht aufgeben. Gihan Higasi, Stephan Nuding und seine 79-jährige Mutter sind im Hungerstreik, sie trinken seit mehr als 500 Stunden nur Tee und Wasser. Sie planen, so lange zu hungern, bis es konkrete Zusagen für mehr Geld gibt, von den Politikern in Berlin und von dem Unternehmen, das für ihr Schicksal verantwortlich ist, dem Contergan-Hersteller Grünenthal. Donnerstag vergangener Woche ist der 22. Tag ihres Streiks im evangelischen Gemeinderaum der Andreaskirche in Bergisch Gladbach.

Während sie hungern, arbeiten in Berlin Politiker an einem Antrag, der eine angemessene Unterstützung der gesundheitlichen Versorgung Contergan-Geschädigter garantieren soll. Die drei in Bergisch Gladbach wollen mit ihrem Hungerstreik die Politik unter Druck setzen. Sie fordern für alle Betroffenen eine bessere Gesundheitsversorgung und die dreifache Rente – bis zu maximal 3270 Euro. Von der Firma Grünenthal und deren Eigentümerfamilie, vertreten von Firmenchef Sebastian Wirtz, wollen sie für jedes in Deutschland lebende Opfer eine Entschädigungszahlung von durchschnittlich einer Million Euro – und einmal das eine Wort hören: Entschuldigung.

Sie bemühten sich, „mit Rückenwind allen deutschen Contergan-Opfern bald mehr Fakten liefern zu können“, sagt Markus Kurth, Bundestagsabgeordneter der Grünen. Die Ereignisse in Bergisch Gladbach seien „sehr unangenehm“, doch so wie jetzt könne sich die Politik nicht unter Druck setzen lassen. „Wir können nicht mehr Geld geben“, sagt Ilse Falk, stellvertretende Fraktionsvorsitzende der Union. Sie verstehe die Situation der Betroffenen. Andererseits müsse man auch berücksichtigen, dass die Contergan-Rente erst im Juli auf maximal 1090 Euro verdoppelt wurde. Die Firma Grünenthal hat sich bereit erklärt, 50 Millionen Euro in die Contergan-Stiftung einzuzahlen. „Der Staat lässt sich nicht erpressen“, sagt Falk.

In Bergisch Gladbach hinterlässt das nicht die erhoffte Wirkung. Stephan Nuding telefoniert weiter mit der Lokalpresse, schickt einen offenen Brief an den Bundespräsidenten und sammelt elektronisch Solidaritätsbekundungen. Die drei Hungerstreikenden werden von der Internationalen Contergan Thalidomid Allianz unterstützt. Sie nennen sich das „Hungerstreikkomitee der deutschen Conterganopfer“.

Nudings 79-jährige Mutter, die beharrlich mitstreikt, ruht gerade auf dem Sofa. Ihr Sohn erzählt und demonstriert derweil, wie manche Contergan-Geschädigte mit einem Bein die Schranktür öffnen. Sie brauchten behindertengerechte Möbel, die können sie sich oft nicht leisten. Stephan Nuding hat einen verkürzten Arm, chronische Schulterschmerzen und abgeriebene Zähne, weil er oft seinen Mund als Werkzeug benutzt. Medizinische Bäder, Kieferbehandlungen, all das, was er brauchte, um weniger zu leiden, gibt sein Monatsbudget nicht her.

Zwischen 1957 und Anfang der sechziger Jahre wurden weltweit mehr als 10 000 Babys mit Missbildungen geboren, in Deutschland allein über 5000, nachdem ihre schwangeren Mütter das Schlafmittel Contergan genommen hatten. Als „harmlos wie Zuckerplätzchen“ war die Tablette angepriesen worden. Es war einer der größten Arzneimittelskandale weltweit.

Heute, 50 Jahre später, leben noch etwa 2800 Betroffene in Deutschland, mit schweren Folgen: Wirbelsäulenschäden, Gelenkschmerzen, Operationen und Physiotherapien, die sie auch finanziell schwer belasten.

Bei den gesetzlichen Krankenkassen haben Contergan-Geschädigte keinen Sonderstatus. Der Orthopäde Jürgen Graf, der seit Jahrzehnten die Opfer betreut, erzählt, dass er viele Patienten habe, die sich „nicht einmal die Bahnfahrt zu meiner Praxis leisten können“. Sie schicken ihm dann ihre Röntgenbilder per Post zu, er guckt sie sich an und berät am Telefon.

Gegen solche Zustände wollten die Abgeordneten eigentlich in aller Ruhe etwas tun. „Ein so schweres Schicksal kann einen nicht unberührt lassen“, sagt der Bundestagsabgeordnete für Bergisch Gladbach, Wolfgang Bosbach (CDU). Er steht vor seinem schwarzen BMW, eben hat er die Hungerstreikenden besucht. Eine Stunde lang hat er mit Stephan Nuding geredet. Diese Aktion sei ein „Schrei aus tiefer innerer Verzweiflung“. Jetzt überlegt er, was er tun kann. „Ich werde als Erstes der Familienministerin meine Erlebnisse schildern“, sagt Bosbach.

Wie lange die drei den Hungerstreik aushalten, weiß niemand. Aber sie versprechen, ihn abzubrechen, bevor ihre Verzweiflung ein Menschenleben kostet. Leidensgenossen würden dann weiterstreiken.

Vor ein paar Tagen schickte Markus Kurth von den Grünen einen Brief nach Bergisch Gladbach: „Könnten Sie sich nicht vorstellen, den Hungerstreik wenigstens zu unterbrechen, um die Ergebnisse der parlamentarischen Verhandlungen abzuwarten?“

Nein, das könnten sie noch nicht, sagen sie. Sie haben Angst, wieder in Vergessenheit zu geraten. MARIE VON MALLINCKRODT

Auf abgeordnetewatch ist eine Anfrage vom 01.11.2008 sowie Antwort vom Bundestagsabgeordneten Johannes Singhammer vom 08.11.2008 um Unterstützung nachzulesen.

Was, neben den finanziellen Hilfen, für die Mobilität getan werden kann, dazu berichtet pressrelations über eine Pressemitteilung vom 27.08.2008 vom Bundesministerium für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung. Hier nun das Zitat, damit der Zusammenhang erhalten bleibt.

Pressemitteilung vom 27.08.2008 | 15:07
Bundesministerium für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung

Tiefensee: Nutzung von Behindertenparkplätzen wird erweitert

Contergangeschädigte Menschen werden in ihrer Mobilität unterstützt

Auch contergangeschädigte Menschen mit sehr spezifischen Behinderungen können künftig Behindertenparkplätzen nutzen. Das hat das Bundeskabinett heute auf Initiative von Bundesverkehrsminister Wolfgang Tiefensee beschlossen. Nach dem sich anschließenden parlamentarischen Verfahren wird dies durch Änderungen im Straßenverkehrsgesetz (StVG) und der Straßenverkehrs-Ordnung (StVO) zum Jahresende rechtlich möglich sein.

„Ich bin sehr froh, das wir helfen können, mehr Menschen mit Behinderung eine bessere Mobilität zu ermöglichen. Der Bundesverband der Contergangeschädigten hat hier konstruktive Anregungen gegeben, die wir sehr schnell und lebensnah umsetzen konnten“, so Bundesverkehrsminister Wolfgang Tiefensee zu dieser Entscheidung.

Bislang durften Contergan-Geschädigte Behindertenparkplätze nicht nutzen, da aus medizinischer Sicht keine Gehbehinderung vorliegt, was dafür Voraussetzung ist.

„Es ist nur folgerichtig, dass aus Gründen der Gleichbehandlung auch andere schwerbehinderte Menschen mit vergleichbaren Einschränkungen diesen Nachteilsausgleich in Anspruch nehmen können. Damit leisten wir auch einen Beitrag zur sozialen Stadt, zur Teilhabe aller am gesellschaftlichen Leben“, stellt Bundesverkehrsminister Wolfgang Tiefensee klar.

Bei inhaltlichen Fragen wenden Sie sich bitte an:
Bundesministerium für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung
Bürgerservice Invalidenstraße 44
10115 Berlin
E-Mail: buergerinfo@bmvbs.bund.de

Berlin – Veröffentlicht von pressrelations

Neben den Fragen nach den weiteren Fortschritten beim neuen Fond mit den Einmalzahlungen, bei der Gesundheitsversorgung und Mobilität, habe ich speziell eine Anfrage an unseren Bundestagsabgeordneten gerichtet, welche sich auf die Absicherung von Krediten für Wohnungseigentum der contergangeschädigten Menschen in dieser wirtschaftlich schwierigen Lage bezieht.

Im Moment kann meines Erachtens niemand ausschließen, soweit man der öffentlichen Presse entnehmen kann, dass nicht auch in Deutschland Wohnungs- oder Hausbaukredite durch die weitere Entwicklung zukünftig noch platzen könnten. Keiner kann in die Zukunft sehen, aber Vorbereitungen auch für solche Eventualitäten wären dann meines Erachtens angebracht. Schließlich sind behindertengerechte Wohnungen immer noch Mangelware und kostenintensiver.
Die bisherige Möglichkeit, die Kredithöhe zu reduzieren durch die Inanspruchnahme einer Kapitalisierung der Rente, ist bisher wirtschaftlich unsinnig, denn der Abschlag (also die Zinsleistungen dafür) liegt über den Kreditzinsangeboten der Kreditinstitute für Hypotheken.

Nach Erhalt einer Antwort zu der Frage nach einem ‚Schutzschirm für Baukredite contergangeschädigter Menschen‘ wird es hier dazu einen weiteren Bericht geben.

Ein Gedanke zu „Contergan: Neue Informationen

  1. Als Antwort auf die Anfrage gab es den Hinweis, dass die Banken den „Schutzschirm“ erhalten haben. Die bestehenden Verträge laufen also wie bisher weiter. Mehr sei nicht nötig.

    Traurig stimmt nur, wie in den Nachrichten berichtet wird, dass eine Sparkasse versucht einen bewilligten Kredit nun von einem erkrankten Kreditnehmer vorzeitig zurück zu erhalten.

    Meines Erachtens stimmt das jetzige Verhalten mit der Zurückhaltung bei Kreditvergaben von Banken und Sparkassen nicht überein mit dem, dass sie vor dem großen Crash an den Tag gelegt haben. Da konnten sie nicht genügend interessierte Kunden haben und machten Reklame ohne Ende. Sowohl für Spareinlagen als auch Krediten. Vieles konnte einfach (also bei Kreditwürdigkeit zumindest) gehandhabt werden, was jetzt teilweise nur unter größeren Schwierigkeiten möglich ist. Dabei werden hier in Deutschland schon lange die strengeren Richtlinien (Basel II) angewandt.

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