Ein Gedicht zur höheren Finanzmathematik

Bereits vor einigen Tagen ist mir beim Stöbern im Netz auf den verschiedensten Webseiten ein Gedicht aufgefallen, welches sich inhaltlich mit den Vorgängen an der Börse, wie sie momentan zu beobachten sind, auseinander setzt.

Leider gab es dabei immer die Schwierigkeit der Zuordnung des Verfassers. Wer hat es verfasst? Nun hat die Financial Times Deutschland mit dem wahren Autor Richard Kerschhofer gesprochen.

Hier nun die Zitate der beiden ähnlichen Gedichte, jenes von Kurt Tucholsky und Richard Kerschhofer, aus dem Bericht der Financial Times Deutschland zum Verständnis und Erhalt des Zusammenhanges in diesem Text, falls die Links nicht mehr erreichbar sind.

Zunächst das bereits altbekannte Gedicht von

Kurt Tucholsky alias Theobald Tiger in „Die Weltbühne“, 1930

Die freie Wirtschaft

Ihr sollt die verfluchten Tarife abbauen.
Ihr sollt auf euern Direktor vertrauen.
Ihr sollt die Schlichtungsausschüsse verlassen.
Ihr sollt alles Weitere dem Chef überlassen.
Kein Betriebsrat quatsche uns mehr herein,
wir wollen freie Wirtschaftler sein!
Fort die Gruppen – sei unser Panier!
Na, ihr nicht.
Aber wir.

Ihr braucht keine Heime für eure Lungen,
keine Renten und keine Versicherungen.
Ihr solltet euch allesamt was schämen,
von dem armen Staat noch Geld zu nehmen!
Ihr sollt nicht mehr zusammenstehn –
wollt ihr wohl auseinandergehn!
Keine Kartelle in unserm Revier!
Ihr nicht.
Aber wir.

Wir bilden bis in die weiteste Ferne
Trusts, Kartelle, Verbände, Konzerne.
Wir stehen neben den Hochofenflammen
in Interessengemeinschaften fest zusammen.
Wir diktieren die Preise und die Verträge –
kein Schutzgesetz sei uns im Wege.
Gut organisiert sitzen wir hier …
Ihr nicht.
Aber wir.

Was ihr macht, ist Marxismus. Nieder damit!
Wir erobern die Macht, Schritt für Schritt.
Niemand stört uns. In guter Ruh
sehn Regierungssozialisten zu.
Wir wollen euch einzeln. An die Gewehre!
Das ist die neuste Wirtschaftslehre.
Die Forderung ist noch nicht verkündet,
die ein deutscher Professor uns nicht begründet.
In Betrieben wirken für unsere Idee
die Offiziere der alten Armee,
die Stahlhelmleute, Hitlergarden …
Ihr, in Kellern und in Mansarden,
merkt ihr nicht, was mit euch gespielt wird?
Mit wessen Schweiß der Gewinn erzielt wird?
Komme, was da kommen mag.
Es kommt der Tag,
da ruft der Arbeitspionier:
„Ihr nicht.
Aber Wir. Wir. Wir.“

Hier nun das neue Gedicht, welches in dieser Zeit der Finanzkrise gerne gelesen wird, von

Richard Kerschhofer alias Pannonicus in: „Preußische Allgemeine Zeitung“, 2008

Höhere Finanzmathematik

Wenn die Börsenkurse fallen,
regt sich Kummer fast bei allen,
aber manche blühen auf:
Ihr Rezept heißt Leerverkauf.

Keck verhökern diese Knaben
Dinge, die sie gar nicht haben,
treten selbst den Absturz los,
den sie brauchen – echt famos!

Leichter noch bei solchen Taten
tun sie sich mit Derivaten:
Wenn Papier den Wert frisiert,
wird die Wirkung potenziert.

Wenn in Folge Banken krachen,
haben Sparer nichts zu lachen,
und die Hypothek aufs Haus
heißt, Bewohner müssen raus.

Trifft’s hingegen große Banken,
kommt die ganze Welt ins Wanken –
auch die Spekulantenbrut
zittert jetzt um Hab und Gut!

Soll man das System gefährden?
Da muss eingeschritten werden:
Der Gewinn, der bleibt privat,
die Verluste kauft der Staat.

Dazu braucht der Staat Kredite,
und das bringt erneut Profite,
hat man doch in jenem Land
die Regierung in der Hand.

Für die Zechen dieser Frechen
hat der kleine Mann zu blechen
und – das ist das Feine ja –
nicht nur in Amerika!

Und wenn Kurse wieder steigen,
fängt von vorne an der Reigen –
ist halt Umverteilung pur,
stets in eine Richtung nur.

Aber sollten sich die Massen
das mal nimmer bieten lassen,
ist der Ausweg längst bedacht:
Dann wird bisschen Krieg gemacht.

Die Absätze sind zum besseren Lesen ins Zitat eingefügt worden.

Beide Gedichte passen sehr gut in ihre jeweilige Zeit bzw. sie dürften an Aktualität wohl kaum einbüßen.
Hört man sich die Aussagen momentan aus der Wirtschaft oder von den Politikern in den Medien an, dann sprechen sie jetzt von „Sozialer Marktwirtschaft“, aber bei genauerer Betrachtung ist es schön umschriebener „Neoliberalismus“ pur. Immer noch keine „harten klaren Kanten“, lieber „laue süße Pillen-Korrektur mit Sozialisierung von Nachteilen“. Nur wird dieses meines Erachtens von den Medien selten deutlich gemacht.

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