Kaffee oder Tee … oder Wasser?

Diese Frage stellt sich angesichts dieser MDR-Meldung von Gestern in den Nachrichten: Reichen 132 Euro zum Leben?

Dieser Monatsbetrag soll Lebensmittel enthalten, um eine Person einen Monat lang ernähren zu können. In den Meldungen sind sie leider nicht benannt. Nur, dass hier 1 Euro für Unterhaltung und Freizeit enthalten seien. Na ja, Hartz IV Empfänger sind ja von der Rundfunk-Gebührenpflicht befreit, denn sonst wäre es sehr prekär. Bildung oder Informationen durch unabhängige Medien können dabei wohl kaum über das Niveau der 4-buchstabigen Zeitung hinaus kommen oder ?. Arm sein, erscheint hier meines Erachtens deutlich als gleichzeitig von Bildung ausgeschlossen und Informationen sowie kultureller Teilhabe abgehängt zu sein, denn nicht überall gibt es Zugang zu den Quellen für 1 Euro.

Viel schlimmer erscheint mir aber, dass hier die Lebensmittelliste nicht angeführt wurde, sondern alles allgemein und damit wohl auch über „einen Kamm geschert“ wird ohne Berücksichtigung, ob die Lebensmittel auch von jeder Person so zu sich genommen werden können. Hier sei nur angemerkt: Säuglinge oder Allergiker benötigen unter Umständen andere Lebensmittel. Diese sind folglich auch teurer.

Fasst entsteht meiner Meinung nach der Eindruck, dass diese Untersuchung nur gemacht worden ist, um wieder behaupten zu können, die Transfer-Leistungen sind zu hoch.
Wie kann man wirklich mit 4,25 Euro pro Tag leben, bei einem 31 Tage umfassenden Monat, ein Frühstück – ein warmes Mittagessen (mit Fleisch oder Fisch) und ein Abendessen sowie Obst und Gemüse zaubern?

Das erinnert mich an Erzählungen von älteren Leuten, die früher in den Kriegszeiten aus Hähnchenfüßen, -herzen und -leber (je nachdem was sie bekamen), Wasser, Salz, ein paar Nudeln und ein paar Rosenkohlröschen eine warme Suppe machten zum Überleben. Andere erzählten, dass sie von ein paar vom Bauern liegengelassenen Kartoffeln mit Salz und Wasser sich eine warme Suppe kochten. Solch eine Suppe wurde uns auch im Hauswirtschafts-Unterricht als „Pariser Kartoffel-Suppe“ zum Kochen-Lernen angeboten (1 Liter Wasser, 2 gekochte und gepresste Kartoffeln mit etwas Salz ausreichend für 4 Personen).
Wieder andere erzählten, sie haben sich als Frühstücks-Brotaufstrich aus Zuckerrüben den Sirup selbst gekocht. Falls er anbrannte, war es besonders schlimm, denn es gab keine Möglichkeit hierauf zu verzichten. Aus dem wild wachsenden Löwenzahn wurde Salat gemacht. Oder es wurde nach Beerensträucher gesucht, aus deren Beeren dann Marmeladen gemacht wurde. Auch sammelten die Kinder in den Wäldern nach Bucheckern zur Ernährung.
Was in den Kriegs- und ersten Nachkriegsjahren des letzten Jahrhunderts noch möglich war, gibt es heute als Nahrungsmittel-Quelle nicht mehr oder kaum noch. Welcher Bauer lässt heute noch Kartoffeln oder Zuckerrüben auf dem Acker zum Aufsammeln? Wo gibt es noch Beerensträucher in frei zugänglichen Wäldern oder Hainen? Wo wächst noch Löwenzahn, der nicht am Straßenrand von den Autoabgasen belastet ist?

Heute sind alle doch sehr von den Einkaufsmöglichkeiten in den Supermärkten oder auf den Märkten abhängig, wenn sie nicht die Möglichkeit haben im eigenen Garten (einschließlich des gemieteten Kleingartens oder auf dem Balkon) sich mit selbst gezogenen Gemüse oder Obst zu versorgen. Die Preise sind im Sommer teilweise auch sehr günstig, aber im Winter ist das Angebot zwangsläufig geringer.

Zitat aus den Nachrichten zur Chemnitzer Hartz IV Studie: Die Forscher wollen nicht missverstanden werden:

Professor Friedrich Thießen sagte bei MDR INFO, man habe nicht untersucht, ob der geltende Hartz-IV-Regelsatz zu niedrig oder zu hoch bemessen sei. Man hätte ermittelt, ob die Gelder, die als soziale Mindestsicherung gezahlt würden, das Existenzminimum sichern könnten. Die Gesellschaft habe die Ziele, die sie mit der sozialen Mindestsicherung verfolge, nicht ausreichend exakt definiert. Sie sage denjenigen, die in die Sozialsysteme einzahlten, dass die Sozialleistungen irgendwo am Rande des Existenzminimums lägen. Sie gewähre aber einen Lebensstandard, der sich an dem der allgemeinen Bevölkerung orientiert. Da klaffe eben eine gewisse Lücke.

Diese Äußerungen sind klar. Für mich aber enthalten sie auch etwas Menschenverachtendes, weil es sich hier ja um die Nahrungsmittelkosten alleine handelt! Die Grundbedürfnisse der Menschen sind, egal ob sie Arbeit haben oder nicht, grundsätzlich gleich. – Dass sich bei einem erhöhten Einkommen anstelle von Champignons jemand Trüffel leisten kann, sei ihm gegönnt. Jedoch braucht ein jeder Mensch außer Wasser und Brot auch Fleisch, Fisch, Obst und Gemüse (von den beiden letztgenannten 400 Gramm täglich lt. WHO) für eine ausreichende Ernährung. Darin gibt es für den minimalsten zudeckenden Bedarf eben keinen Unterschied! Als Orientierungshilfe sei hier nur auf den Begriff Ernährung bei Wikipedia verwiesen.

Wasser alleine ist eben keine ausgewogene und bedarfsgerechte GRUND-ERNÄHRUNG!

Hier noch ein Informationslink:
euro.who.int als pdf : Erster Aktionsplan Lebensmittel und Ernährungspolitik

Zitat aus dem Aktionsplan unter Abstract:

Zugang zu einem breiten Spektrum an gesunden und sicheren Nahrungsmitteln zu haben ist ein grundlegendes Menschenrecht.

Zweiter Europäischer Aktionsplan Nahrung und Ernährung der WHO

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